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Sarah Kistner - 2015 geht es immer weiter bergauf für die Deutsche Meisterin über 5.000 m

Sarah Kistner und ihr Trainer bei der 5000m-DM im Mai
Sarah Kistner und ihr Trainer bei der 5000m-DM im Mai

Wenn man in Bezug auf sie sagt, es gehe immer nur bergauf, dann stimmt das in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist ihre liebste Disziplin der Berglauf, und da geht es tatsächlich immer nur die Berge hinauf und kaum herunter. Zum anderen aber ist die 17-jährige Sarah Kistner nicht nur dort, sondern auch auf der Straße und auf der Bahn gerade auf dem Weg nach ganz oben.

Mit dem Laufen begonnen hat sie vor etwa fünf Jahren. Nach zwei Jahren Fußball wollte sie mal etwas anderes machen, und am Laufen hatte sie einfach Spaß. Und da sie den knapp 800 m hohen Altkönig im Taunus (Hessen) direkt vor der Tür hat und der noch etwas höhere Große Feldberg auch nicht weit ist, lief sie dort – bergauf, bergab. Drei Jahre lief die gebürtige Frankfurterin einfach so für sich, mit ihrer Mutter, aber ohne Verein, und nahm auch an einigen Volksbergläufen teil – „aus Spaß an der Freude“, wie sie selbst sagt.

Doch dann wurde die damals 15-Jährige Ende Juni 2013 bei einem dieser Läufe – dem 11,9 km langen Osterfelder Berglauf in Garmisch Patenkirchen, bei dem ein stattlicher Höhenunterschied von knapp 1300 Metern überwunden werden muss – überraschend schnellste Juniorin und machte das erste Mal auf sich aufmerksam. Sie trat dem MTV Kronberg bei – dort wohnt sie mit ihren Eltern und ihrer 14-jährigen Schwester – und begann, unter ihrem Trainer Martin Lütge-Varney erstmals systematisch zu trainieren. Seitdem zeigt sie ihr Ausnahmetalent nicht mehr nur am Berg, sondern auch im Gelände, auf der Bahn und der Straße. 2014 wurde sie Hessische Meisterin im Cross und über 3.000 m in der U18. Bei der Deutschen Jugend-Meisterschaft über 3.000 m belegte sie den dritten Platz und wurde im Herbst in den C-Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes für die Langstrecke (3.000 und 5.000 m) aufgenommen. Und auch international erregte sie im gleichen Jahr Aufsehen, als sie bei der Berglauf-Weltmeisterschaft in der Einzelwertung den zweiten Platz belegte und mit der Mannschaft das erste Mal seit 23 Jahren den Titel holte.

Ähnlich erfolgreich ging es für Sarah Kistner auch in diesem Jahr – ihrem ersten in der U20 – weiter. Bei den Deutschen Crosslauf-Meisterschaften im März wurde sie Zweite und im Mai Deutsche Meisterin über 5.000 m. Über die gleiche Distanz wurde sie bei der Junioren-EM Mitte Juli in neuer persönlicher Bestzeit (16:31,92) Fünfte. Bei der Berglauf-Europameisterschaft auf Madeira Anfang Juli sicherte sie sich die Goldmedaille in der Einzel- wie auch der Mannschaftswertung – und das, obwohl sie erkältet an den Start gehen musste. Im Oktober wird sie bei den Asics Grand 10 in Berlin versuchen, den German Road Races Nachwuchs Cup in ihrer Altersklasse zu gewinnen.

Und woher kommt diese enorme Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit? Für ihren Trainer ist die Antwort klar: „Sarah hat ein außergewöhnliches Körpergefühl, sie ist sehr intelligent und kann sich selbst sehr gut einschätzen.“ Natürlich wird auch viel trainiert. Lütge-Varney schreibt die Trainingspläne, „die Umsetzung aber findet im Dialog statt“, wie er sagt. Er wolle nicht den großen Trainer-Zampano spielen. Er gibt den Rahmen vor, und sie entscheidet „mit einer Mischung aus Gefühl und Verstand“, wie sie es nennt, wie sie den Plan genau umsetzt. Wichtig ist beiden vor allem die Abwechslung, und so trainiert sie am Berg und im Gelände ebenso wie auf der Bahn und der Straße – allein, in der Gruppe oder zu zweit mit ihrem Trainer. Fünf- bis sechsmal pro Woche plus zweimal Stabilisationstraining.

Noch muss die 17-jährige Gymnasiastin, die in ihrer wenigen Freizeit gern backt und kocht, dabei Rücksicht auf die Schule nehmen. 2016 wird sie ihr Abitur machen, und sie möchte auch gern studieren – „irgendwas in Richtung Mathe und Naturwissenschaften“, wie sie sagt –, aber vor allem will sie das Training weiter ausbauen und sich auch an die langen Strecken heranwagen. Ihr Traum ist der Marathon, weil der sie schon immer fasziniert hat. Dass dieser Traum wahr werden wird, davon ist ihr Trainer fest überzeugt: „Wenn sie so weiter macht, wird sie mit Anfang 20 sicherlich eine Top-Marathonläuferin sein.“

Bei Sarah Kistner geht es einfach immer bergauf.

 Text: Jutta Casdorff

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