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Mayada Al-Sayad: Der Traum vom Laufen.

Mayada Al-Sayad gewinnt das 10-km-Rennen beim 4. Volvo Tierparklauf
Mayada Al-Sayad gewinnt das 10-km-Rennen beim 4. Volvo Tierparklauf

Es gibt vielleicht schnellere Läuferinnen als Mayada Al-Sayad in Deutschland, aber sie hat schon etwas gewonnen: Sie hat das Ticket für die Olympischen Spiele 2016 in Rio bereits in der Tasche. Im April lief die 22-Jährige beim Hamburg-Marathon eine neue persönliche Bestzeit von 2:41:44 Stunden und schaffte damit die vom Leichtathletik-Weltverband geforderte Olympia-Norm. Die liegt bei 2:42. All die anderen, die schnelleren deutschen Läuferinnen müssen sich noch eine Weile beweisen, um die Olympia-Norm des Deutschen Leichtathletikverbandes von 2:28:30 Stunden zu erfüllen.

Die in Berlin geborene Mayada Al-Sayad hat neben dem deutschen auch einen palästinensischen Pass. In Rio will sie für Palästina an den Start gehen. Ihr Vater, ein Zahntechniker in Köpenick, pflegt freundschaftliche Beziehungen zur palästinensischen Botschaft in Berlin, und als sie dort erkannten, dass die Tochter läuferisches Talent hat, beschlossen sie, Mayada zu fördern. Mit ihrer Zeit vom Hamburg-Marathon hatte sie sich auch für die WM in Peking im August qualifiziert. Flug und Unterkunft am Ort zahlte der palästinensische Sportverband, und auch das vor Rio anstehende Trainingslager wird übernommen werden.

Mit sieben Jahren trat sie mit ihrer Zwillingsschwester einem Leichtathletikverein bei. Da probierte sie zunächst alle Disziplinen aus, doch schnell zeigte sich ihr Talent für die Langstrecken. Die in Mahlsdorf lebende Mayada wechselte zum 1. VfL Fortuna Marzahn, wo sie seit dem Herbst 2012 von ihrem Trainer Tobias Singer betreut wird. Zahlreiche Berliner Meistertitel folgten: 2014 zum Beispiel über 1.500 m und 3.000 m in der Halle, über 10.000 m und im Halbmarathon, in diesem Jahr über 1.500 m in der Halle und mit der 3 x 800-m-Staffel. Auf nationaler Ebene hatte sie es bisher nicht ganz so leicht. So wurde sie bei deutschen Titelkämpfen zum Beispiel 2013 Fünfte über 5.000 m und über 10.000 m 2014 Dritte sowie in diesem Jahr Zehnte. Mit ihrer Marathon-Bestzeit von Hamburg liegt sie auf Platz 6 in Deutschland. In Peking belegte sie Rang 50 und war froh, bei den schwierigen klimatischen Bedingungen und erstmals ohne ihren Trainer als Tempomacher überhaupt durchgekommen zu sein. Insgesamt sehr gute Ergebnisse, die herausragenden werden noch kommen. Das hofft sie, das hofft auch ihr Trainer. Der Anfang ist gemacht: Beim 10-km-Tierparklauf am vergangenen Sonntag siegte sie – in einer neuen Bestzeit. Mit 35:47 Minuten war Mayada schneller als der drittschnellste Mann im Rennen. Das Ziel im Marathon: eine Zeit um die 2:37.

Nun ist aber Palästina kein Land, das sich durch besonders günstige Bedingungen für Sportler, v. a. Läufer auszeichnet. „Es ist heiß, und überall ist Wüste“, sagt Al-Sayad. Und wenn sie, wie meist einmal im Jahr, dort im Urlaub und auf Verwandtschaftsbesuch ist, muss sie erstmal eine Weile fahren, um eine geeignete Trainingsstätte zu finden. Denn eigentlich gibt es die so gut wie gar nicht im Land. Deshalb ist es für Palästina ein solch glücklicher Umstand, dass es Mayada Al-Sayad gibt. Sie hat Talent, zeigt bessere Leistungen als andere palästinensische Läuferinnen und lebt noch dazu in Deutschland, wo sie optimal trainieren kann.

Und warum musste es gerade der Marathon sein? Da treffen Leidenschaft und Strategie aufeinander. Erstmal läuft Al-Sayad wirklich am liebsten lange Strecken – Marathon, Halbmarathon und auch noch die 10.000 m. Die 3.000 und 5.000 m aber sind ihr schon fast zu „sprintmäßig“, wie sie es nennt. „Und die Olympia-Normen über 3.000, 5.000 und 10.000 m sind einfach zu hart“, sagt ihr Trainer. So haben sie kontinuierlich auf den Marathon hingearbeitet und das Training zunehmend umgestellt, selbst wenn sie weiterhin an Rennen über kürzere Distanzen wie den ASICS Grand 10 im Oktober oder auch den Deutschen Meisterschaften über 10 km auf der Straße teilnimmt. Dreimal die Woche trainiert sie in der Gruppe, zweimal mit dem Trainer und ansonsten allein.

Im Sommer hat sie erfolgreich ihre Ausbildung zur Zahntechnikerin im Betrieb ihres Vaters abgeschlossen und wird dort nun arbeiten. Ein großer Vorteil für ihr Training, denn der Vater, dessen Idee es ja unter anderem war, Mayada für sein Heimatland starten zu lassen, ermöglicht ihr die hierfür notwendigen flexiblen Arbeitszeiten. Trotzdem bleibt wenig Zeit für Freizeit. Freunde treffen, shoppen und ins Kino gehen – das mag sie, auch wenn sie gewöhnt ist, dass ihr nicht viel Zeit dafür bleibt. Jetzt hat sie sich gemeinsam mit ihrer Mutter außerdem noch in der Sprachschule angemeldet, um Arabisch zu lernen – die Sprache der Familie ihres Vaters, die bis auf einen Onkel alle in Palästina und Jerusalem leben.

Bis zu den Olympischen Spielen will sich Mayada Al-Sayad voll auf das Training konzentrieren und danach entscheiden, wie es mit dem Laufen weitergehen soll. Sie hat noch viel vor, hat noch andere Träume. Zu gern würde sie einmal beim Marathon in London an den Start gehen. Sollte sie in Rio auch nicht die Schnellste sein, so wird sie doch viele Menschen mit ihrer Leistung stolz machen – und damit trotzdem ganz weit vorn liegen.

Text: Jutta Casdorff

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